Kritiken
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Hammenbeck >Kim
Niklasson >Arne Lindquist
>Karl-Erik Eliasson
Stefan
Hammenbeck,
Direktor des Kunstmuseums Skövde, Schweden. 2000
Folke Truedssons künstlerisches Schaffen war von tiefstem Ernst
geprägt. Nicht so, dass er seinem Werk auf irgend eine Art
besondere Schwere verlieh. Es handelte sich um die Aufgabe der Kunst
und die Rolle als Künstler. Sein Leben erstreckte sich über fast
achtzig Jahre des 20. Jahrhunderts. So konnte Folke Truedsson auch
die grossen Ereignisse des Jahrhunderts erleben und daran
teilnehmen. Für ihn wurde die abstrakte Form eine Metapher für das
geistige Suchen und die existenzielle Lage des Menschen. Er war
einer der am konsequentesten arbeitenden abstrakten Bildhauer seiner
Generation in Schweden.
Gegen Ende
seines Lebens verliess Folke Truedsson Schweden und liess sich in
der Schweiz nieder. Er hatte zu diesem Zeitpunkt seit langem
periodisch sowohl in Norditalien wie auch in der Schweiz gearbeitet.
Er kam in unseren Kontakten oft auf die Aussicht auf eine
grossartige Landschaft zu sprechen, die er von seinem Atelier aus in
Röschenz hatte. Ich erlebte dies so, dass die Natur für den
Künstler hier ein Ausdruck für die Schöpfung war, und dies
befruchtete buchstäblich noch mehr sein Werk. Mit dem Wort eines
Apostels im Gedächtnis könnte man sagen, dass die Skulptur für
Folke Truedsson eine Wohnstätte des Geistes war.
***
Sprache für innere
Wahrheiten
Kim Nicklasson,
Kunstkritiker, Kulturjournalist und Schriftsteller. 1998
Folke Truedsson ist vielleicht der Bildhauer der Nachkriegszeit, der
am deutlichsten die Suche nach einer nonfigurativen Sprache für
innere Wahrheiten des Lebens formuliert hat. Eine Art Lars Ahlin
[bedeutender schwedischer Schriftsteller der Moderne] der Bildkunst.
Als er als Sechsundzwanzigjähriger in die Kunstakademie in
Stockholm aufgenommen wurde, beendete er seine Anstellung als
Werklehrer. Während seines ganzen Lebens gehörte zu seinem in
dieser früheren Tätigkeit erworbenen Rüstzeug ein tief fundiertes
Materialgefühl und die Einsicht, dass nur aus klaren Gedanken gute
Werke entstehen können.
In seinem ganzen Wirken
manifestiert sich das ständige Suchen nach Ausdrucksformen, die
innere Wahrheiten effektiv vermitteln. Der Kampf der Horizontalen,
der Vertikalen und der unendlichen Parabeln entspringt einer
Überzeugung, dass es etwas Unerklärbares im Inneren des Menschen
gibt, wo der Künstler nach den Wahrheiten des Lebens suchte.
Die Geschichte von Folke Truedsson
begann 1913 in Kristianstad in Schweden und schloss 1989 in
Röschenz in der Schweiz, wo die Familie nunmehr das Atelier und die
grossen Sammlungen verwaltet.
Für den Künstler selbst war die
innere Wirklichkeit offenbar. Mit Worten kann man sie kaum
beschreiben oder einkreisen. Im ästhetischen Gestalten eines
Gefühls kann man möglicherweise einen Schein dieser inneren
Wirklichkeit sichtbar machen. Für Truedsson war die Kunst ein
Kampf, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Manchmal war er sehr
nahe dabei, und seine Formen lassen uns ein atemberaubendes Gefühl
von Schwerelosigkeit erleben, wie wenn Astralkörper das Irdische
verlassen, um die Lebensräume der Menschen in die Ewigkeit hinein
zu erweitern. Stein, Bronze und andere Materialien werden
schwerelos. Die vertikalen und horizontalen Formen heben plötzlich
ab, die umschreibende Form macht eine Leere sichtbar, die nach Innen
zu einem Brennpunkt führt, wo alles in einem poetischen Schein von
Etwas schwebt, das aus einem echten Gefühl für das Mystische und
Unfassbare entsprungen ist.
Um möglichst genau im
Ausdruck zu sein, entwickelte Folke Truedsson immer straffere und
klarere Formen. Vom Streben nach vollendetem Naturalismus und
vollkommener Abbildung entwickelte er sich hin zu einer konkreten
Bildsprache in kubistischem Geist. Erst im Nachhinein sehen wir,
dass er immer nach dem genauen Ausdruck suchte, ohne nach dem zu
schielen, was in der Zeit lag. Für ihn bedeuteten zufällige Launen
oder Modeerscheinungen nichts. Deshalb bildete seine
Künstlerlaufbahn eine Parabel über die Zeit, in die er sich nicht
einordnen lässt und die es schwer macht, für die Werke, die er uns
hinterliess, Etiketten zu finden. Ich erlebe beispielsweise selten
ein so starkes Gefühl von Spannweite in der Zeit wie gerade in
Folke Truedssons Kunst. Wenigen ist es gelungen in ihre eigene Zeit
so viel vom antiken Erbe, von den antiken Reinheitsidealen
einzubringen und trotzdem den Kontakt mit dem Hier und Heute zu
behalten. Diese aussergewöhnliche Begabung Folke Truedssons lässt
sich vielleicht am ehesten beschreiben, indem man die Formen der
Skulpturen mit denjenigen der Musik vergleicht. Mit einer nahezu
musikalischen Leichtigkeit spielt der Bildhauer mit seinen
Materialien und lässt sie mit exakten Linien und Pausen dieses
schwebende Gefühl von innerer Kraft wiederspiegeln, so wie dies
auch die Musik vermitteln kann. Während sein Suchen sich immer
weiter weg von Realismus und Naturalismus entfernte, entwickelte
Folke Truedsson ein sublimes Gefühl für Ästhetik und deren
Potential für die Entwicklung einer Sprache, die das sichtbar
machen konnte, was er selbst so deutlich erlebte. Bei Folke
Truedsson ist Kunst vor allem Kommunikation. Sein ästhetisches
Feingefühl verhindert profetischen Bombasmus und sein Werk wird
Ausdruck für einen Willen zum Dialog. Der Künstler deutet
Möglichkeiten an und will Kontakt zwischen dem Sichtbaren und dem
Unsichtbaren schaffen. Das ruhige Schweigen wird gleich wichtig wie
der Luftraum um die Formen, die er schafft.
Es gibt eine
Verwandtschaft zwischen Truedssons Kunstschaffen und Martin Bubers
Dialogphilosophie. Dies ist vielleicht nicht so erstaunlich, nachdem
Buber viele Denker in dieser Künstlergeneration beeinflusst hat.
Die unpersönliche Relation zwischen Subjekt und Objekt fehlt fast
vollständig in Folke Truedssons Werk. Hingegen empfinde zumindest
ich sehr stark zwei kommunizierende Subjekte in den Werken, wie wenn
der Künstler gerade Bubers Gedankengänge visualisiert hätte.
Durch diese Attitüde im Ausdruck, wo nichts als Objekt betrachtet
wird, kommen Bilder und Skulpturen auch einem reinen Naturerlebnis
sehr nahe. Die eigentliche Bewegung, das Wellenspiel durch die
Werke, wird ein Strom von innerer Kraft im Zusammenspiel mit Mensch
und Natur. Die Skulpturen wirken wie aus einem starken Willen
entsprungen, Gedanken so zu visualisieren, dass sie ebenso
selbstverständlich werden wie Naturelemente.
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Arne
Lindquist
1982
Folke Truedsson ist einer der wenigen Künstler, die nicht eine
rasche Anerkennung ihrer künstlerischen Erzeugnisse erstrebt haben.
Er wurde 43 Jahre alt, bevor er glaubte, für ein öffentliches
Auftreten reif zu sein. Dies geschah 1957 in der Sturegalerie in
Stockholm und wurde zu einem unmittelbaren Erfolg für den
Künstler.
Folke Truedsson strebte
lange Zeit nach einem vollkommenen Naturalismus, aber allmählich
sah er sein Ziel in nach wie vor vollkommenen, aber freieren
abstrakten Formen.
Ungefähr zehn Jahre nach
der Studienzeit widmete sich Folke Truedsson während einer Periode
intensiven Suchens der Malerei. Aber die Bildhauerei wurde mit der
Zeit seine wesentlichste Ausdrucksform. Die Periode der Malerei
scheint aber doch eine entscheidende Bedeutung für seine weitere
Entwicklung als Bildhauer gehabt zu haben.
Lange und schwere Jahre
mit harter Arbeit und Nachdenken in einem fast eremitischen und
isolierten Dasein in ständiger Auseinandersetzung mit den
Ausdrucksmöglichkeiten des Materials machten schliesslich Folke
Truedsson zu einem der anerkannt grössten Ästheten in der
schwedischen Kunst, zu einem unbestechlich ehrlichen Sucher nach
vergeistigten Visionen und einem reineren Gesamtbild. Frühzeitig
erkannte er die Bedeutungslosigkeit von Details, die sich nicht der
Ganzheit unterordneten.
Folke Truedsson sieht
seine künstlerische Tätigkeit nicht als Ergebnis einer Berufswahl,
sondern als eine Berufung, die eine rein persönliche Angelegenheit
ist und der er zu folgen gezwungen ist. Sie ist eine Lebensform.
Er ist von Haus aus ein Denker und seine Meditationen erhalten oft
eine sehr feste und schwere Form. Er liebt Bronze und Stein, aber er
zwingt das Material zu einer schweigenden und empfindsamen Grösse
von fast entmaterialisierter Sakralität. Auf diese Weise hat er den
Kreis zu seinem Innersten geschlossen, wo sich der schöpferische
Prozess in einem stetigen, aber nie vorausbestimmten Kreislauf
fortsetzt.
Folke Truedsson baut
vielleicht klarer als jeder andere schwedische Künstler deutliche
Brücken von der Reinheit der Antike zu den chaotischen und schnell
verwitternden Ausdrucksformen unserer Zeit. Er ist zeitlos und
trotzdem aktuell, er ist in einen ständigen Kampf verwickelt und
trotzdem der friedlichste von allen.
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Karl-Erik
Eliasson
1982
„Die Zeit hat ihre Form” - so äusserte sich Folke Truedsson
einmal, als ich mit ihm ein Gespräch im Zusammenhang mit einer
seiner sehr grossen retrospektiven Ausstellungen führen konnte,
soweit man bei einem Künstler, der ständig der Zukunft zugewandt
zu sein scheint, überhaupt von Retrospektive sprechen kann.
Die Zeit hat ihre Form.
Erst mit der Zeit kam ich zur Einsicht, dass diese Worte als
Einstieg in Folke Truedssons künstlerisches Werk gesehen werden
können. Im Zusammenhang mit einem Künstler liegt es auf der Hand,
auch die Zeit dreidimensional zu sehen. Dies ist eine
Betrachtungsweise, die direkt zu Folke Truedssons wichtigsten Taten
durch die Jahre hindurch führt.
Wir betrachten zuerst die
historische Zeit. Folke Truedsson verliess die Kunsthochschule knapp
vor Ende des zweiten Weltkrieges und tatsächlich hat seine
Formsprache Eindrücke vom verödenden Vordringen des Krieges
erhalten. Das Niemandsland der verkohlten Ruinen fand einen
künstlerischen Ausdruck in Skulpturen, in denen eine Epoche von
Heimsuchungen und Angst ihre Form fand. Aber Folke Truedsson blieb
nicht im öden Land stehen, sondern tastete sich ständig weiter
vorwärts. Werke aus Bronze, wie erstarrte Lava mit ihren Spitzen
gegen die schweigende Sphäre gerichtet, erhielten einen ruhigeren
Rhythmus und einen weniger drohenden Raum. Als eine logische
Fortsetzung kam dann die weichere Formsprache des Marmors mit Zügen
der klassischen Harmonie. Eine neue Zeit gewann ihre Form.
Und dann finden wir die
persönliche Zeit: Jung sein, reifen, den Überblick haben. Folke
Truedsson stellte immer hohe Ansprüche an sich selbst. Er hat den
Weg der inneren Notwendigkeit gesucht, auch wenn ihm dieser grosse
persönliche Schwierigkeiten verursacht und ihn in Sackgassen
geführt hat, aus denen eine Rückkehr schwer war.
Aber mit seinem
zielbewussten und ambitiösen Schaffen hat er befreiende Ausdrücke
gefunden, sei es beim Bau einer „Kathedrale” der Abstraktionen,
beim Einfangen einer „Sfärischen Bewegung”, beim Vermitteln
eines „Vertikalen Schweigens”, bei einem Gedenkstein auf einem
Friedhof oder beim Beleben eines Radiohauses. Seine persönliche
Zeit hat sich höheren Zielen untergeordnet, aber seine
Persönlichkeit ist auf bemerkenswerte Weise anwesend in dem, was er
geschaffen hat.
Und zuletzt haben wir die
Zeit selbst. Die heutige Kunst ist oft ein Werk des Augenblicks, das
den Gesetzen der Selbstzerstörung unterworfen ist. Mit einer
derartigen Perspektive wäre Folke Truedsson jedoch nie zufrieden.
Er hat in seinen Werken den Weg der Abstraktion gewählt, weil er
weiss, dass eine gelungene Abstraktion die Zeit überdauert. Hinter
der Fassade der äusseren Wirklichkeit ist eine Ideenlehre zu
spüren. Es ist die Idee des natürlichen Gleichgewichts und der
trotz allem möglichen Harmonie.
Die Zeit erhält ihre Form
- mögen die Werke sprechen.
***
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